System-Anomalie

Wer hat das Lenkrad?!

Die “4-Jahres-Frist”

Die 4-Jahres-Frist ist mein Titel für die Zeit zwischen Bundestagswahlen 2017 und 2021.

Wenn wir es in dieser Zeit nicht hinbekommen, die Demokratie derart neu zu beleben, dass ein Bürger vor der nächsten Wahl immer noch so desinformiert ist, um einen Wahl-O-Maten nach den Inhalten zu befragen, haben wir verloren.

Es gibt verschiedene Themen, welche für den Wahlkampf ausgesucht wurden und andere, die genau nicht dafür “taugten”. Der Wahlkampf glich einem Theaterspiel aus Talkshows und Wahlprognosen-Pushing und lieferte hunderte von Steilvorlagen zur Entrüstung. Wir machten es den “Amis” gleich, wir versuchten zu diskreditieren, zu hämen, zu demütigen. Der Kampf um jede Stimme war verbal-blutig und hinterher kam es für alle dann doch anders.

Das Ergebnis war eine Ohrfeige, und zwar an alle. An die etablierten Parteien, an die Protestwähler, an die strategischen Wähler und an alle, die sich mehr oder weniger begründet aus dem politischen Diskurs seit langem heraus halten, also die sturen Nicht- und Gewohnheitswähler.

Und das Desaster ist, DAS halten scheinbar die meisten für Politik. Und durch unsere Verrohung in der Sprache, gerade im Internet, bilden wir uns ein, jetzt mal richtig auf die Pauke zu hauen wäre mit “muss mal doch mal sagen dürfen” die Meinung gegeigt, und fertig.

Statt entgegen zum Bundestagsspektakel die richtigen Fragen zu stellen und beharrlich die Beantwortung einzufordern, zeigen wir eine derart fiese Fratze und bewerfen uns mit Feindbildern, zementieren Spaltung und üben uns im immer weiter fortschreitendem radikalen Extremismus, das es nur so kracht.

Da werden mal eben auch alle als Feinde eingestuft, die kritisch nicht alles in eine Nazi-Ecke werfen oder werden zu Gutmenschen, weil sie ein Asylrecht für notwendig und wichtig finden. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht mehr statt.

Jüngst werden nun die Ostdeutschen pauschal abgestraft, für das Spiel mit dem Feuer zur Rechenschaft gezogen.

“Und dennoch müssen wir jetzt, alle miteinander, klarkommen damit, dass viele Leute AfD gewählt haben. Dafür gilt zuerst: durchatmen, liebe Westdeutsche! Das Gute ist, dass wir jetzt darüber reden können.”
http://www.zeit.de/2017/41/afd-osten-behandlung-waehler-rechtsextremismus

Wir können nun so weiter machen, uns auch lauthals darüber beschweren, das alle so weiter machen, auch die Regierung zieht es vor, so weiter zumachen und uns allen gegenseitig für die nächsten Jahre das “#Weitermachen” vorwerfen. Wir scheinen uns nicht im Klaren zu sein, dass #weiterso auch unsere Art zu Leben mit einschließt!

Denn damit hätten wir nur bewiesen, dass wir eine Demokratie weder verstanden haben noch bereit sind, sie gesund zu ernähren. Wir hätten bewiesen, das “links”, “rechts”, “oben” und “unten” nur noch über ein primitives Schuldverständnis verfügt und das Auseinandersetzung so uncool und außerdem anstrengend ist. Zu aufwendig und viel zu kompliziert.

Und ich behaupte, dass dies nicht stimmt!
Der Bürger trägt seinen Anteil darin, dass er mit “Geiz ist Geil” auch die Investition seiner Lebenszeit in die Gemeinschaft vernachlässigt hat. Generationskonflikte bleiben trotz unserer Möglichkeiten durch Intelligenz bestehen. Konsumverhalten wird nicht hinterfragt. Radikaler Individualismus wird als Zeichen von intellektueller Selbstpräsentation und “eigene Meinung” gefeiert und überschminkt die diffus fehlende Anerkennung aus der Gemeinschaft. Die durch UNS vorangetriebene Arm-Reich-Schere wird mit Statussymbolen der Rücksichtslosigkeit und Dekadenz untermauert.

Was wir brauchen, sind zum Beispiel ganz dringend Orte, an denen wir wieder lernen, unsere Meinungen mit Wissen abzugleichen. Wir sollten lernen, dass eine andere Meinung zu haben kein Verrat ist, keine Behinderung die man weg therapiert oder missionieren muss, sondern dass sie lediglich gehört werden will um dann darüber zu reden.

Wir sollten lernen, dass das Leben nicht ausschließlich digital abläuft, sondern auch analog. Kommunikation ist ein wesentlicher Bestandteil einer Demokratie. Meinungsaustausch kann Standpunkte aufzeigen und den eigenen Horizont erweitern. Meinungen muss man nicht zwangsläufig zustimmen oder sie vernichten. Es sind zunächst nur Blickwinkel. Nichts mehr oder weniger.

Jürgen Wiebicke schrieb in seinem Taschenbuch “Zehn Regeln für Demokratie-Retter”:

“Wir sollten uns klarmachen: Wenn wir Klagen anstimmen über “die” Politiker, haben wir die halbe Strecke auf dem Weg ins populistische Denken schon geschafft. Dann verzichten wir auf Differenzierungen, genauso wie die AfD, die nur noch “Altparteien” kennt.”

Und genau deswegen sollten wir uns daran beteiligen. Nicht nur die Politiker sind gefordert, den Stimmen zuzuhören, auch wir sind gefordert eine Stimme zu geben. Jedoch inhaltsvoll und formuliert statt Gegröhle.

Lasst uns die Sprache wieder entdecken und lasst uns zur Demokratie stehen. “[..] Sie ist eine Lebensform. Wir haben vergessen, wie attracktiv sie ist[..]”.

4 Jahre…  wir haben vier Jahre dafür!

 

1 Kommentar

  1. Beate Kiefner

    7. Oktober 2017 at 11:25

    Ich möchte darauf hinweisen , dass wir viel mehr auf Radiosendungen wie z.B. im DLF-Kultur im Moment ‚werben‘ sollten statt die Talkshows so hoch zu ‚bewerten‘.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 System-Anomalie

Theme von Anders NorénHoch ↑