Anlässlich eines Posts auf Facebook, habe ich mich zum Einen mit der “neuen” Sachlage um das geforderte Verbot des Pestizids “Glyphosat” beschäftigt, zum Anderen mit dem Phänomen der indirekten verbalen Gewalt in Auseinandersetzungen.

Denn ich bin der Meinung, solange letzteres die Kontroversen anführt, können Inhalte nicht transportiert werden.

Doch der Reihe nach.

Am 26. Oktober tauchte in meiner TL das Posting auf „Ein Verbot von Glyphosat wäre ein enormer Rückschritt, sowohl im Hinblick auf den Verbraucherschutz als auch für den Umweltschutz.“

Diese Aussage empörte mich zunächst aus mehreren Gründen. Zum Einen wegen der Vereinnahmung von “Allerweltsthemen” in das Parteiprogramm der Piraten, zum Anderen weil ich bis zu diesem Tag durchaus fest der Überzeugung war, sämtliche negativen Bewertungen gegenüber “Glyphosat” seien berechtigt.

Im Laufe der Diskussion um dieses Thema folgte ich den angebotenen Links, um die aufgestellte These der “faktenfernen Schlammschlacht” und den “neuen Informationen” zu verstehen.

Zunächst machte ich meinen Unmut Luft, denn für mich war zunächst das pauschal “in Frage stellen” der Aktivisten und Bürgerinitiativen grotesk. Und dies wird sich wahrscheinlich auch nicht ändern. Was sich jedoch ändern muss, ist der Umgang miteinander und die Verpflichtung eines Jeden, der die öffentliche Meinung beeinflusst bzw. beeinflussen will, sich seiner Verantwortung bewusst ist! Dazu später mehr.

Blogpost “Glyphosat: Die Fakten zur Debatte”

Nachdem ich dann weitere Dokumente gesichtet habe, die den Aufbau des Produkts, die Verwendung und den Abbau der Bestandteile hinreichend darlegt, kann ich zumindest zusichern, das ich die derzeit kursierende Krebserreger-Debatte in Bezug auf Glyphosat vorerst nicht tragen kann.

Vermutlich werde ich jetzt doch etwas auf die Kommunikationsebene eingehen, als inhaltlich zum Eingangsthema Stellung zu beziehen.

Eine Auseinandersetzung “Angstbesetzt” zu nennen, erschwert einen Diskurs.

Denn insgesamt kommt jedoch einiges dennoch zu kurz:
Wie Du Stefan, ja auch mehrfach andeutest, stand dieses Pestizid argumentativ immer in Verbindung mit genmanipuliertem Getreide, welches auch als Futtermittel verwendet wird.
Außerdem in Verbindung zu den Nahrungsmittelindustriekonzernen, die nun hier auch ausreichend genannt wurden.
Und eines fehlt: nämlich die zu der Zeit bestehende Informationsbasis über diese ganzen Faktoren nebst Nahrungskonsum und Lebensmittelverschwendung, also der gesamte Umgang mit Nahrung als solche plus dem unnötig hohen Fleischkonsum… (bedenke: 10 Jahre zurück gebeamed).
Die Komplexität, also in welche Bereiche einzelne Entscheidungen ebenfalls wirken und möglicherweise noch nicht abschließend untersucht wurden.

Eine Auseinandersetzung “Angstbesetzt” zu nennen, erschwert einen Diskurs. Ich habe mich mit den Dokumenten heute ausschließlich deswegen beschäftigt, weil wir eine persönliche Beziehung und einen gewissen sprachlichen Umgang miteinander pflegen, nicht jedoch, weil das Thema für mich “genug zur Neugier angefüttert” wurde. Das ist wichtig, um zu verstehen, das nicht diese Auseinandersetzung als Erfolg zu zählen sei, einen “Skeptiker” erleuchtet zu haben! Weder durch die Aufmachung noch durch die These!

Es gibt dererlei reichlich Themen, welche im Laufe der Zeit möglicherweise wissenschaftliche Veränderungen oder gar Verbesserungen beinhalteten, diese jedoch nicht mit den Menschen mitgewachsen sind. Schon gar nicht mit der öffentlichen Meinung.

Solche Themen sind z.B. “Influenza-Impfungen”, AIDS & HIV, Biolabel, fossile Kraftstoffe, E-Mobilität & Akkus, und dergleichen mehr.

Eine Frage, die man sich stellen muss ist, wie transportieren wir die Informationen in die öffentliche Auseinandersetzung.

Der Mensch ist nicht perse ungebildet, einfältig oder ein […]Gegner

Die Abwehrhaltung ist ja nicht perse etwas, was der Mensch mit auf den Weg bekommt. Diese Lokomotiv-Verteufelung zu Industrie_1.0 lag ja nicht daran, das der Mensch ungebildet ist, sondern weil er misstraute. Und dieses Misstrauen basiert ebenfalls nicht darauf, das es einfältige Menschen waren, sondern weil das Vertrauen in die Organisation seitens Regierungen selbiges durch Machtmissbrauch bzw. zumindest durch gefälliges Auslegen von Macht den Bürger für unmündig erklärt.

Demnach kann man davon ausgehen, das wir heute immer noch vor dem gleichen Problem stehen: solange den Entscheidern nicht vertraut wird, welche darüber letztendlich gravierende Weichen stellen, solange vermutet selbst der gebildetste Mensch einen Haken an der Sache.

Und das kennen wir bereits von TTIP und eben auch von VW bzw. dem Dieselgate, das Intransparenz bei den Entscheidungen in den seltensten Fällen ein rund um sorgenfreies Befürworten der breiten Masse zur Folge hat.

Und solange sich Wissensträger eher darüber aufregen, wie denn der “Rest der Welt nur so ungebildet sein kann” werden Inhalte ebenfalls nicht transportiert, denn diesen Menschen hört man nur einmal zu.. um sich die Packung abzuholen, das man es im Grunde gar nicht Wert ist mit ihnen zu reden.

Zurück zur Frage “Wie man das nun transportieren kann.”

Die Vertrauenskrise in unsere Regierung hat in den letzten 4 Jahren erhebliche Schäden angerichtet und mit der Jamaika-Koalitionsverhandlung ist alles andere als eine Verbesserung der Situation in Sicht. Wenn die Umfragen nicht derart formuliert wären, das bestimmte Antworten gar nicht gegeben werden können, nämlich z.B. “Trauen Sie der Regierung noch einen konstruktiven Weg in eine Zukunft mit fatalen Umweltproblemen, globaler Zunahme von Faschismus, radikalem Zusammenbruch vom sozialem Netz, Welternährung, Flüchtlingsströmen verschiedenster Arten (u.v.m.!)zu?” würde die Antwort “NEIN!” heißen.
Und das eben nicht deswegen, weil der Bürger ein Spielverderber ist, sondern weil er sich weder vertreten, noch gehört oder gefragt fühlt.

Das dies auch auf die Kappe der Bürger geht – Du kennst mich! – sicher tut es das. Wir haben uns zulange aus den Debatten rausgehalten und damit auch das “Entscheiden Sie für mich, ich hab keine Ahnung von Politik, dafür hab ich Sie gewählt” erst den Boden bereitet. Und wir haben dadurch auch flächendeckend bzw. Generationsübergreifend verlernt, wie man kontroverse Auseinandersetzungen führen kann!

Dennoch.. es geht wie Du von mir weißt, mir immer wieder um die Kommunikation. Räume zu schaffen, um Themen dem Bürger nahe zu bringen. Auch mal Themen, die “revolutionär” aus dem Einheitsbrei heraus stechen oder eine gewohnte Haltung provokant unterbrechen.

Und ich denke, das wird der Auslöser sein, weshalb ich (und ich denke in diesem Falle stellvertretend für einige Andere auch) vor Empörung ein “Wie bitte?!” durch die morgendliche Küche rief

Wie gesagt, ich habe mich jetzt durch die Dokumente durchgearbeitet und bin noch lange nicht in der Lage eine abschließende, für mich gültige Meinung zu treffen. Jedoch hast Du bereits erreicht, DAS ich es überhaupt tat, dafür bin ich Dir dankbar

Auf die Antwort, das es ja “gut sei, das ich offen für neue Gedanken wäre” und nicht zu stolz sei, dazu auch Stellung zu beziehen, beantwortete ich wie folgt:

“Ja, es gefällt mir auch immer wieder gut, wenn man etwas entspannter an die Sache herangehen kann.

Zu “stolz” bin ich schon recht lange nicht mehr. Sowas behindert nur, vor allem, wenn man sich mit so einer Einstellung selbst im Wege steht. Wenn man das erstmal abgelegt hat, wird Vieles einfacher

Doch möchte ich jetzt nur kurz einwerfen, das mir das zu schnell geht.

Zu schnell im Sinne von “die Schuldigen gefunden zu haben“.

Diese Organisationen haben sich aufgebaut, aus Menschen, die sich ursprünglich als Bürger um eine lautere Stimme bemüht haben. Und es ist auch eben nicht pauschal alles schlecht was die machen, nur weil diese eben selbst genau wie ich wohl möglich nur einen Zug verpasst haben.
Und deswegen ist die Existenz jeglicher Bürgerinitiativen, auch jene, die sich größeren Organisationen angeschlossen haben meiner Meinung nach eher erstmal positiv.
Das die Kommunikation mit den meisten “festgefahrenen” Meinungsbildinhabern erst einmal schwierig ist, liegt in der Natur der Dinge.
Die Unterhaltung fordernd sachlich zu halten und auch mediativ auf dieser Ebene, möglicherweise auch durch Moderation zu unterstützen wäre eigentlich eher mein Ansatz, als “neue Wahrheiten” den “Ungläubigen” um die Ohren zu watschen..

Zugrunde liegt immer noch der Bürger, der durch fehlende Transparenz und einem sich daherwalzenden Regierungs-Moloch sich immer weniger mit der Politik der Regierung identifizieren kann und DADURCH misstraut.

Glyphosat und WHO

Wenn mich etwas interessiert, dann kann es auch dazu führen, mich an einem Sonntag morgen um 5:30h bereits mit meinem ersten Kaffee an wissenschaftliche Dokumente oder auch um die Analyse kontroverser Meinungsbilder zu machen

Ich wollte nun wissen, wie sich die Weltgesundheitsorganisation zu diesem Thema positioniert – denn ich werde eben auch misstrauisch, wenn Organisationen und Bürgerinitiativen perse als “faktenfern” eingestuft werden.
Wenn die Stimmung zu diesem Thema derart überladen ist, das BEIDE SEITEN sich eine langfristige Zerstörung der Lebensgrundlage für Mensch und Umwelt vorwerfen, dachte ich mir, ich frage mal DIE Organisation, die möglicherweise vom Wissensspektrum her den größten Überblick haben muss.

Und siehe da, ich habe der aktuellen Situation angemessene Formulierungen gefunden. Nämlich, ..

  • die Bestätigung der Existenz NEUER Daten, welche nun durch verschiedene Expertengruppen untersucht werden sollen
  • solange die Auswertung nicht abgeschlossen ist, werde die WHO keine Änderung der Positionierung empfehlen, also keinem Verbot zustimmen

Was ist angesichts dieser Situation die Empfehlung der WHO in Bezug auf diese Pestizide?
An dieser Stelle empfiehlt die WHO keine Änderung der nationalen Richtlinien und Vorschriften. Es empfiehlt, dass die Länder bestehende und künftige Empfehlungen des JMPR und des Codex Alimentarius berücksichtigen.
Unterstützt die WHO das Verbot von Glyphosat und Malathion?
Bis heute unterstützt PAHO / WHO das Verbot dieser beiden Pestizide nicht, bis die JMPR-Bewertungen abgeschlossen sind. Die Gemeinsame FAO / WHO-Tagung (oder JMPR) legt ein sicheres Expositionsniveau für diese Chemikalien fest.

http://www.paho.org/hq/index.php?option=com_content&view=article&id=11393

Ich sehe mich ja leider Außerstande, weder die an sich plausiblen Erklärungen und Ergebnisse der Studien zu verifizieren, noch die Fachkompetenz der Studiengruppen zu beurteilen, da ich nun mal nicht vom Fach bin.

Letztlich, das Einzige, was ich derzeit den Aktivisten zum Thema Glyphosat vorwerfen kann ist sich auf Informationen zu berufen, welche möglicherweise überholt sind, bzw. die Existenz neuer Daten und Ergebnisse zuzugeben.

Was die Aktivistenplattform Campact angeht, bin ich seit der Bundestagswahl 2017 sehr mies auf die zu sprechen, denn es gab bis heute weder eine plausible Begründung für das Kleinparteien-Bashing bzw. für die “stategische Wahlempfehlung” noch eine Entschuldigung. Und DAS sind für mich echte Schäden an der Demokratie. (jedoch hier ein anderes Thema)

Um die Plattformen und deren Publikum zu erreichen, sollte sich jedoch jeder ausrechnen können, das ein “Ihr Faktenverweigerer und Angstverbreiter!” mit hoher Wahrscheinlichkeit NICHT dazu führt, sich der neuen Daten anzunehmen und Aktivitäten vorerst ruhen zu lassen.

Das Diese als Methodik “Verbotskampagnen” verwenden, hat sich im Laufe der Zeit wohl etabliert, da es – aus eigener Erfahrung – echt schwer ist, aktuell den Bürger von seinem Sofa zu holen.

Demnach gibt es bei ALLEN Kontroversen ein großes Problem bzw. Fragen, die man sich vorher selbst stellen muss:

  • “Will ich alles unternehmen, um meine Information als Anregung in die Kontroverse einzubringen oder will ich meinem Frust Ausdruck verleihen?”
  • “Will ich polemisch sein und die ‘Anderen’ zunächst spüren lassen ‘wie sehr sie doch daneben (sind) liegen’ oder will ich das man sich der neuen Informationen annimmt?”
  • “Will ich zielführende Auseinandersetzung oder eine Ächtung der Idioten?”

Da ich auch kein promovierter Kommunikationswissenschaftler bin, dies jedoch mein Thema seit gut zwei Jahrzehnten ist müssen wir uns wirklich vorher fragen, ob Herabstufung, Diskreditierung, weitere Kampfbereitschaft und grundsätzlich spaltende Werkzeuge die Mittel der Wahl sind. Denn die Ergebnisse mit diesen Methoden sind weltweit bewiesenermaßen miserabel im Bezug auf Zusammenarbeit, Aufklärung und Verbesserung zum Wohle der Gemeinschaften

Diese innere Bestandsaufnahme sehe ich nicht nur bei diesem Thema, sondern generell bei allen Themen, welche eine dynamischen Gruppenmeinung angeht.

Deswegen auch meine Bemerkungen bezüglich zur AfD, wo derzeit mein hauptsächlicher Aktivitätenschwerpunkt liegt, also meine Ausarbeitung, wie man mit dieser Bewegung umgehen kann, welche Faktoren zu einer Erstarkung führten und durch welche Ursachen so ein Potential von Angstverhalten provoziert wurde.

So weit mein No.4 Kaffeegruß in den Tag

PS.: Stefan “Finde es gut, dass Du bei dem Thema offen für neue Gedanken und Fakten bist und Dir dann auch nicht zu stolz bist, Deine Ansichten weiter zu entwickeln.
Dieses Zitat stelle ich mal als kleinen Gedankensplitter in den Raum, was “das Zulassen neuer Gedanken” im Bezug auf Kommunikation angeht