“Irgendwann kriegen wir dich doch!”

(Foto: Pink Floyd – The Wall)

Im Allgemeinen assoziiert man den Begriff “Totalitarismus” sofort mit Faschismus, Nationalismus und fundamentalistischen Systemen. Für Letztere stehen dann oft islamistischen Glaubens angeführte Staaten, bzw. Gruppierungen, welche den Anspruch darauf hegen, wie der IS. Und damit ist die innere Debatte auch nach 5 Sekunden wieder beendet. 5 Sekunden, die einem Schluck Kaffee gleichen. “Nächste Seite in der Tageszeitung”. Ende der Durchsage.

Und damit zeigt sich ein Phänomen, welches derzeit schleichend immer mehr unsere Köpfe Einzug hält. Die Kritik einfordernde 68er-Bewegung ist verstummt und stattdessen skandieren “wir” zu allen möglichen Themen unsere Wahrheit, vornehmlich in den sozialen Netzwerken. Und dabei merken wir gar nicht, wie sehr “unsere” Empörung der Nährboden für genau diesen totalitären Anspruch bereitet.

Ich beobachte mit größter Besorgnis, dass selbst bis dato Freunde und Bekannte mit einem – wie ich es bezeichne – gesunden Menschenverstand ausgestattet bei irgendeinem Thema dann selbst zu Verfechtern einer Annahme werden und ein neutrales Überprüfen, kontroverse Diskussionen unterbindend nur noch einfordern, dass “wenn ich das nicht so sähe, ich ja zu den anderen gehören würde.

Die unterschätzte Gefahr dabei ist meines Erachtens, dass solange die Themen meinem eigenen Verständnis von “Gut” und “Böse”, “richtig” oder “falsch” entsprechen, eine kritische Überprüfung nicht nur dem Themenkern an sich, sondern auch im Verhalten derer, die das “genauso sehen” wie ich, nicht stattfindet. Ich wähne mich umgeben von “angenehmen Menschen”, zumindest die eine (meine) Auffassung teilen und damit fühle ich mich “sicher“.

Sicher nicht nur im Sinne von “nicht alleine in der Masse” herumzustehen, sondern auch “sicher“, was den Erhalt meiner Ansicht “Frei von lebensbedrohlichen Gefahren” angeht. Je mehr ich mich “persönlich im Heute manifestiert” habe (Haus, Familie, Verantwortung im Beruf), desto schneller wäge ich sämtliche Entscheidungen darüber ab und entwickle im Sinne des Überlebenstriebs auch ein feines Gespür dafür, was mir (und meinem Umfeld) alles gefährlich werden könnte.

Jedoch sind Begriffserfindungen wie zum Beispiel “Besorgte Bürger” oder “Verschwörungstheorie” genau die Belege, welche uns zum Innehalten bewegen sollten, statt “noch ‘ne Schippe drauf” zu legen und jetzt erst recht die “Feinde des Systems” zu bekämpfen.

Was hat der Begriff Totalitarismus mit “mir” zu tun?!

Eben eine ganze Menge! Mehr, als ich eigentlich ahne. Im Blogbeitrag Glyphosat habe ich das schon mal angerissen und im Liebesbrief an die Piraten ebenfalls. Wir neigen selbst zum Totalitarismus, um so mehr wir derzeit beginnen ein neues Bewusstsein für gesellschaftspolitische Themen zu entwickeln.

Der allgemeine Aufruf im Frühsommer 2017, sich wieder einzumischen, weil die Bundestagswahlen vor der Türe stehen und die Gefahr, das die AfD in den Bundestag einzug hält und damit eine historische Wiederholung des 3. Reiches drohe, hat doch interessanterweise eine Menge Deutscher in Bewegung versetzt. Leider war der Effekt jedoch, dass das Pendel in einer für mein Verständniss unangemessener Weise angetrieben wurde und nun beinahe unkontrolliert hin- und herschwingt.

Beispielsweise mit der Aussage “Du bist kein Nazi, aber..” haben wir unser eigenes Trainingslager zum Thema “totalitäres Meinungsbild” mit dem ersten Seepferdchen erfolgreich abgeschlossen. Seit diesem Zeitpunkt gilt sogar eine gewisse Akzeptanz, Gewalt gegen Rechte zu dulden, teilweise sogar offen zu fordern. Und alle, die das nicht so sehen, sind ebenfalls Nazis.

Nun, ich selbst sehe mich durchaus als Geschichtskundig, habe eine klare Meinung zum Thema Faschismus und sehe mich ausgesprochen klar gegenüber Neonazis und deren Weltbild. Das sollte genügen, um eine populistische Gesinnungsprüfung mit “nein” zu beantworten, ob ich nun nach “rechts” schwenke, mit “denen” sympathisiere oder plötzlich “Rechtes Gedankengut” toleriere. Wem das nicht ausreicht, hat einfach verlernt, das Diskussionen nicht funktionieren, wenn man durch eine unanfechtbare Haltung in jeder Aussage des Gegenübers einen belegten Angriff sieht.

Das lässt sich ausweiten auf die HashTag-Debatten um #metoo, #KristinaHaehnel, #Impfgegner, #No|G20, #ZPS, #KlimaWende, #EMobilitaet, #Vegan|*

Um jedoch zum Thema zurückzukommen, seit dieser Phase stelle ich fest, das unreflektiertes Stimmung machen “für” oder “gegen” irgendwas mehr Menschen erreicht, als das einfache Belegen mit Hintergrundwissen und einem anschließendem handeln.

Ständig werden alle möglichen Themen hysterisch zu einer Gefahr der inneren und äußeren Sicherheit aufgebauscht, welche es nicht wert sind so genannt zu werden und andere Themen, bei denen als nächster Schritt ein konsequentes Handeln erforderlich wird, fallen vom Tisch und werden dann im Hintergrund, zu Gunsten jener und durch jene entschieden, “gegen die wir kämpften”.

Ich habe keine Ahnung, wie “wir” wieder zu Sinnen kommen können. Das einzige was mir aktuell erst einmal einfällt ist:

“wir lassen uns spalten!”

In unseren Köpfen, in unserer Familie, bei unseren Freunden, Bekannten. Bei belanglosen Themen bis hin zu wirklich wichtigen Entscheidungen. Wir fordern andauernd per Gesinnungsprüfung eine absolute Zustimmung und verlernen Toleranz.

Toleranz heißt nicht, das man alles akzeptieren muss. Es heißt nur, das ich akzeptiere, das jemand  eine andere Meinung als ich habe. Es heißt, das ich die Freiheit habe, das gut oder schlecht zu finden und unabhängig davon trotzdem ein liebenswerter Mensch bleibe. Wenn wir das verlernen und vergessen, dann bauen wir mit dieser Art & Weise eine Gesellschaft auf, die nur noch einen charmanten Kopf braucht, der uns rettet und als Führer ins nächste Verderben treibt!

 


Weiterführende Links:

http://www.zeit.de/1972/12/welches-regime-ist-totalitaer/

http://www.bpb.de/politik/extremismus/linksextremismus/33699/totalitarismus?p=0

https://de.wikipedia.org/wiki/Totalitarismus#Kritik_der_Totalitarismus-Theorie

https://twitter.com/hb_join/status/934648173104107520/

http://www.haz.de/Sonntag/Gastkommentar/Der-neue-Totalitarismus-Gastbeitrag-von-Prof.-Dr.-Joachim-Krause