Angeregt durch einen FrageTweet von @hase_oder_igel:

“Im Moment drehen so viele durch, immer Aggression, jeder macht *sein Ding*, man geht online und im RL aufeinander los. Gestern Abend mit @NaneDrews zusammen überlegt und die Frage gebe ich Euch weiter:
Wie kriegen wir Herzenswärme in die Köpfe vieler?”

wurde mir sehr schnell klar, das dies nicht einfach zu beantworten sei. Wie ich bereits selbst im Tweet antwortete, sehe ich aus meiner Erfahrung heraus das externe Einwirken auf einen Menschen, um ihn zur Gewaltfreiheit zu bringen, als zum Scheitern verurteilt, da es selbst eine Gewalteinwirkung darstellt.
Wie so oft ein Paradoxon. (Siehe auch Toleranz-Paradoxon von Karl Popper)

Sämtliche sozialistischen Ideologien scheitern genau an dieser Grenze, indem als bemutternde Instanz mit väterlicher Härte die Glocke des Gemeinwohls über eine Gemeinschaft gesetzt wird und unweigerlich diesen Akt der bevormundenden Unterwerfung zum traumatischen Erlebnis macht, der sich über viele Generationen hält.

Egal wie gut erdacht und tatsächlich sinnvoll und ehrenhaft die ethischen Ziele auch sein mögen und egal wie – gerade in unserer Zeit durch das Thema Klimawandel notwendig – zukunftsträchtig im Sinne von Neuverteilung von Ressourcen, Neuorientierung bezüglich gesellschaftlicher Ziele und wissenschaftlichen Ausrichtungen diese ganzen Theorien und Regierungssysteme auch sein mögen, sie scheitern, wenn der freie Wille des Menschen übergangen und unterschätzt wird.

Vorbemerkung: ich bin kein Theologe und gehöre derzeit keiner Glaubensrichtung an. Ich bin zwar evangelisch getauft, dennoch eher freigeistig und freigläubig. Ich glaube an eine höhere Macht und auch an eine Bezeichnung wie göttliche Kraft, jedoch vollkommen losgelöst von hiesigen Glaubensrichtungen. Dennoch möchte ich auf das Thema “Glauben” und “Religionen” kurz eingehen.

In der Vergangenheit wurden zum Beispiel wissenschaftlich Religionen untersucht, deren Zielsetzung, Gesamtgefüge und Funktionsbedingungen verglichen. Die Theologie und die Religionswissenschaft.

Es gibt einige “Hauptreligionen” und unzählige Abspaltungen, die sich u.a. daraus entwickelten, dass Einzelne z.b. diese Religionen aus Gründen der gesellschaftlicher Umsetzung als unmenschlich, totalitär oder unecht hielten und sie gar als feindlich dem gesellschaftlichen Leben gegenüber einschätzten.

Von diesen Abspaltungen haben sich einige durchgesetzt, wie zum Beispiel das Evangelium, welches zur Zeit der Christianisierung, Inquisition und Kreuzzügen entstand – gleichsam einer Zeit, in der die Kirche als herrschende gesellschaftliche Instanz sehr viel Blut vergossen hat und letztlich nur noch aus Gewalt bestand.

Zusammenfassend kann man jedoch davon ausgehen, dass alle Religionen grundsätzlich einen die Gemeinschaft ordnenden Grundgedanken gemeinsam haben, um den “freien Willen” wie ein Bindemittel mit einem Gewissen zu zähmen.

Zurück zum Thema Gewalt, bzw. wie man diese aus den Köpfen der anderen bekommt, würde ich gerne auf fernöstliche Religionen einen Abstecher machen.

Im Buddhismus, Hinduismus, Taoismus geht man zumindest davon aus, das der Mensch mit seinem freien Willen einer endlosen Prüfung ausgesetzt ist, dem sogenannten Karma. Die Erfüllung des Karmas basiert meist darauf, in verschiedensten Situationen die “richtigen” Entscheidungen zu treffen und Erfahrungen vielfach unter moralischen Grundsätzen zu machen. Jedoch nicht immer. Mir persönlich gefällt daran die Verkettung von Konsequenzen, die sich zum Beispiel aus einem Verzicht von Rache ergeben, etc.

Letztlich sind diese Religionen Jahrtausende alt und fanden immer wieder starken Zustrom, wenn die “Welt” aus den Fugen zu geraten scheint. Ob diese zielführend sind, anläßlich der globalen Zunahme von Gewalt und dem Hinwenden zu totalitären Regierungsformen kann ich nicht beantworten.

Letztlich, Gewalt kann man meines Erachtens nicht “einfach nur eindämmen”, denn ein tabuisieren eines beliebigen Dinges oder Themas verursacht einen Überdruck, bringt es aus dem Gleichgewicht und erzeugt dadurch eine vorprogrammierte Eskalation, zunächst durch das polarisierende Wachstum in Radikalisierungen und Extremismus hin zur kollabierenden Entladung.

Diesen Kreislauf scheinen wir als Menschheit möglicherweise derzeit durch zu machen. Alle vergangenen Kulturen brachen an einem bestimmten Punkt zusammen. Mit diesem Zusammenbruch sind auch jene mitgerissen worden, welche innerhalb der Kulturen streng nach deren Grundregeln lebten. Quasi Unschuldige. Den Zusammenbruch selbst haben wenige durch die immer wieder benannten negativen Charakterzüge des freien Willens herbei geführt. Gier, Habsucht, Neid, Missgunst sind einige davon. Durch Machthunger an Positionen interessiert, gerät der Schutz des Gemeinwohls, dessen Aufgabe die Funktionen ursprünglich einmal hatten, vollkommen in den Hintergrund und werden missbraucht für egoistische, selbstsüchtige Ziele.

Die Menschheit existiert seit ca. 15Mio. Jahren. Als Homo Sapiens ca. 10.000 Jahre. Bisher waren die verschiedenen Kulturen und Völker geographisch voneinander getrennt und er(durch)lebten auch ihre meist eigene Entwicklung.
Durch das Internet, den Fernverkehr/-handel und vielem mehr sind diese Grenzen weitgehendst aufgehoben. Sie bestehen lediglich durch Verabredungen im Handel, kulturellen Glaubensunterschieden, politische Regierungen, Grundbesitz über (fossile) Rohstoffe, etc.

Kriege wurden bislang mit den geografisch “Anderen” ausgefochten, doch da die Zielsetzungen sich verändern, zB. die Rohstoffen gehen zur Neige, herstellendes Gewerbe und Fabriken wechseln den Standort, Realbesitz von Währungen und Gold wandelt sich mit Finanzsystemen (BlockChain), usw.

Parallel dazu tauchen nun die Eingangs erwähnten inneren Kriege auf. Die Gesellschaft reagiert aus Angst vor Veränderungen oftmals mit dem zwanghaften Erhalt von Traditionen. Dadurch werden Feindbilder erschaffen.
Das Erstarken der “Rechten” in jeglicher Art und Weise ist meines Erachtens ein Symptom. Es ist diesmal sogar global zu betrachten und lässt neutral betrachtet Rückschlüsse zu, wie z.B. dass vollkommen unabhängig von “Rasse”, “Art” oder “Kultur” das konservative “Lager” versucht, das “Alte” zu bewahren und dem progressiven, sich entwickelnden “Lager” die Schuld am Zusammenbruch zuschreibt und die Verantwortung der Eskalation gleich mit.
Und dazu braucht man letztlich keine Hautfarbe, keinen Glauben, keine Essgewohnheiten sondern nur die Angst. Angst vor dem Anderen, dem Unbekannten. Das Feindbild erschafft sich von ganz alleine. Irgendwer wird schon ein Feindbild skizzieren und jenes, welchem die Konservative bzw. auch jene, die durch konservative Lager im Mangel gehalten wurden, am besten gefällt, bzw. am plausibelsten erscheint, wird sich dann durchsetzen.
Im aktuellen Fall sind Feindbilder in Form von Flüchtlingen am einfachsten zu erschaffen. Ob traditionell Mexikaner in Nordamerika oder derzeit Nordafrikaner in Europa. Hinzu kommen dann noch die als Schläferzellen benannten akzeptierten Einwanderer und fertig ist das Feindbild. Ist das Feindbild dann etabliert, ist es auch einfach moralische Schwellen noch weiter herabzusetzen und selbst Familienmitglieder als Feind zu bezeichnen, weil diese die Existenz des Feindbildes in Frage stellen.

Zusammenfassend lässt sich resümieren, das die Angst vor Veränderung, selbst die Angst vor Verschlimmerung der derzeit schlechten Lage als Bedrohung wahrgenommen wird. Und diese Wahrnehmung setzt den Überlebenstrieb frei. Und wer sich etwas mit Psychologie und Biochemie auskennt weiß, das dieser Trieb nicht über das Denken zu kontrollieren ist, sondern ihn aussetzt. Trieb = Instinkt -> Flucht oder Angriff (oder Paralyse).

Die Frage, die man sich stellen muss ist, wie kann man der Menschheit – denn derzeit ist Gewaltbereitschaft ein globales Problem – die Angst vor dem Unbekannten nehmen. Ab und zu bleiben mir irgendwelche Sätze und Aussagen hängen, wie zum Beispiel aus der TV-Serie “Altered Carbon”:

“Die Technologie entwickelt sich weiter, aber die Menschen nicht.
Wir sind schlaue Affen.
Was wir wollen bleibt immer das Gleiche. Nahrung, Schutz, Sex.. und Macht in jeder Art & Weise.”

Ich kann dieses Zitat verschieden interpretieren. Ich kann zynisch die primitiven Grundelemente verhöhnen oder auch darin den zunächst größten gemeinsamen Nenner. Ich kann also die Angst vor Veränderung vorläufig ernst nehmen und durch Analyse feststellen, das Traditionen ein wichtiger Bestandteil von einem Sicherheitsbedürfnis sind. Denn es hat ja (mehr oder weniger) in der Vergangenheit funktioniert. Dazu gehört zum Beispiel das Feuer oder der Ackerbau, der die Menschheit aus der Abhängigkeit von Jahreszeiten zur Lagerhaltung brachte.

Statt im blinden Aktionismus nun Traditionen zu erhalten, inklusive die Deutungshoheit, wer jetzt was und wie zu erhalten wünscht, wäre vielleicht eine Überprüfung, was derzeit nützlich wäre.

Mit dieser Überprüfung steht man vor der Herausforderung, sich moralisch und ethisch zu positionieren. Die traditionelle feste Verknüpfung von Moral und Ethik an Glaubensmodelle macht eine Auseinandersetzung teilweise unmöglich. Teilweise sind in den Kulturen Überlebensmodelle fest eingeflochten (zum Beispiel viele Kinder als Erhalt einer Sippe/Familie).

Doch zurück zu der Frage mit der Gewalt: ich bin nicht davon zu überzeugen, das sich die derzeit eskalierende Gewalt von Außen regulierbar ist. Meiner Meinung nach geht das nur durch die Erkenntnis eines Jeden, dass eine innere Bereitschaft die Notwendigkeit von der Abkehr von Gewalt zu einer tauglichen Lösung führt. Beziehungsweise das klare Verstehen, das solange Gewalt vorherrscht, keine Vernunft möglich ist. Das ist schlicht hormonell bedingt – Instinkt.

Doch ist erst die Gewaltfreiheit der Grundbaustein, um wieder zur Vernunft zu gelangen. Unterdrückung von Gewalt ist keine Gewaltfreiheit – sie ist nur eine andere Form der Gewalt.

Möglicherweise sind also diesbezüglich – also um die Gewaltfreiheit zu kultivieren – verschiedene Faktoren notwendig, an denen die noch nicht von der Gewalt Infizierten arbeiten können, um Ziele zu formulieren.

Dazu gehören wohl die Auseinandersetzung mit globalen Themen, welche nach Möglichkeit nicht nur die Spezies Mensch langfristig auf diesem Planeten überleben lässt, sondern auch einen möglichst großen und umfassenden Teil der bestehenden Diversität in Fauna und Flora. Möglicherweise müssen dazu neue moralische und auch ethische Grundsätze geschaffen werden und eine Instanz, welche diese bewertet und durchsetzt wird voraussichtlich auch neue Charaktereigenschaften voraussetzen.

Nachdem dem Einzelnen die Notwendigkeit der Gewaltfreiheit klar geworden ist, scheint die nächste Aufgabe ebenso mühsam: die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. Nicht nur im Handeln, sondern auch im Nichtstun.

Es werden voraussichtlich alle beteiligten (lebenden) Generationen benötigt, um eine Verhaltensform oder einen Wert als gegeben oder weiter vererbbar zu betrachten. Wir sprechen hier also von einem Zeitraum von mindestens 100-200 Jahren bis zum autonomen Prozess. Was wir in den vergangenen 75 Jahren nach dem WK2 versäumt haben, lässt sich eben nicht durch eine neu aufflammende Kritik und Diskussion um die permanente Gewaltbereitschaft einfach beenden.
Doch glaube ich fest daran, das jeder Einzelne, den ich mit diesem Post hier erreicht habe und sich ein paar Minuten darüber Gedanken macht, alles ist, was ich tun kann – neben der eigenen Ausrichtung meines Lebens unter diesen Kriterien.

In diesem Sinne. Danke Marc für diese Frage 🙂

LG